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Velvet paintings – Mag. Hartwig Knack, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler

Seit etwa 30 Jahren arbeitet Lisa Bäck mit einem besonderen Material: Seidensamt! Ein schimmernder Stoff, ein besonderes Gewebe, das in Bewegung zwischen Glanz und Mattheit wechselt und zu fantastischen changierenden Farbeffekten führt.

Der künstlerisch-handwerkliche Prozess: Mit eingeübten sicheren Hand- und Armbewegungen trägt die Künstlerin in ihrem sechsteiligen Bilderzyklus „follow the line“ in einer durchgehenden Linienform ein dickflüssiges Ätzmittel auf den gespannten Seidensamt und löst so an diesen Stellen den geknüpften Flor. Was im ersten Augenblick vielleicht recht simpel anmuten mag ist jedoch das Ergebnis jahrelangen Experimentierens, denn die dünne gestische Liniensetzung mittels Ätzlösung lässt keine Fehler zu. Die von Lisa Bäck verwendeten speziellen Seidenfarben basieren auf Säurefarbstoffen und zeichnen sich in ihrer Leuchtkraft durch eine große Intensität aus. Der gezielte malerische Auftrag der nicht einfach zu handhabenden sehr wässrigen Farben erfordert viel Erfahrung. Auch in diesem Bereich hat die Künstlerin zahlreiche technische Zugänge ausprobiert, ehe sie zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gelangen konnte. Die Farbpigmente dringen in die Fasern ein und nehmen erst dann ihren vollen Glanz auf der Seide an, nachdem sie von der Künstlerin in einem eigens gebauten Ofen über mehrere Stunden mittels Wasserdampf fixiert wurden.

Obgleich Lisa Bäcks sechsteiliger Arbeit ein konkretes Thema zugrunde liegt, zeichnet sie sich aufgrund ihrer ungegenständlichen Anmutung durch eine große inhaltliche Unvoreingenommenheit aus. Im Gespräch erwähnt die Künstlerin die Anfänge eines vereinten Europas, als in den 1950er Jahren sechs Staaten – Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Italien – die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten um durch gezielte wirtschaftliche Zusammenarbeit Wohlstand und Frieden in Europa zu sichern. Die sechs Bilder und die sie durchlaufende Linie stehen für diese Gründerstaaten der Europäischen Union, für Verknüpfung und Zusammenstehen, für Offenheit, Einheit und eine richtungsweisende gemeinsame Entwicklung.

Über diese definierte Deutung hinaus lassen sich den Bildern jedoch weitere Facetten entlocken. Lisa Bäck ist ein kommunikativer Mensch, eine Künstlerin, die für ein differenziertes Hinschauen auf Sachverhalte plädiert und Fragestellungen stets aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet um sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Das Material Seidensamt scheint im übertragenen Sinn prädestiniert zu sein für das Erfassen unterschiedlicher Perspektiven. Wir Betrachterinnen und Betrachter der Werke sollen dem Wunsch der Künstlerin entsprechend visuell nicht nur die Ansicht von vorne einnehmen. Im Gegenteil: Wir werden geradezu angehalten unseren Standpunkt vor den Bildern immer wieder zu ändern. Während des aktiven Vorbeigehens etwa wechselt wie in einem Fluss die Farbigkeit. Auch das Motiv der Linie ändert sich leicht, sobald die Arbeiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Hier geht es der Künstlerin nicht nur um die Analyse des Sehens und Erkennens, sondern auch um die Bewegung vor dem Objekt. „follow the line“ hat einen partizipatorischen Charakter. Wir alle sind kein bloßes Gegenüber des Kunstwerks, wir sind Bestandteil desselben. Nicht nur die Simulation von Bewegung im Bild fasziniert, auch die physisch-örtliche Veränderung als integraler ästhetischer Bestandteil des Bilderzyklus ist essenziell für die Gesamtaussage und Wirkung.

Die Farbregie im sechsteiligen Werk ist wohl durchdacht. Die Farbe des punktuellen energiegeladenen Zentrums oder auch der schlingenförmigen Linie bildet die Hauptfarbe im jeweils nächsten Bild. Mal scheint die Linie auf der Fläche aufzuliegen, mal leuchtet sie aus dem Dunkel des Hintergrunds hervor. Mal zieht uns das „Auge des Sturms“ in die Tiefe der Unendlichkeit, mal erscheint es als transparentes Oval an der Oberfläche. So erzielt die Künstlerin ein davor und dahinter, ein Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefenräumlichkeit.

Wenn die Künstlerin in einem Statement zu ihrer Arbeit schreibt: „Linie – als Symbol für Dynamik und Offenheit, richtungsweisend, vorwärtsdrängend, entwickelnd, ein Flussbett schaffend …“, dann verweist sie auf die Linie als Grundlage jedes menschlichen Gestaltens. Sie ist das, was Leben ausmacht, als Lebenszeichen, als Metapher und Spiegel von Schnelligkeit aber auch von Ruhe und Rationalität. Ganz frühe künstlerische Äußerungen des Menschen sind schon linear ausgeführt: Wir müssen nur an die Felszeichnungen der Urmenschen aus prähistorischer Zeit denken. Jeder von uns hat als Kind in Strichzeichnungen seine ersten Erlebnisse auf Papier gekritzelt. Mit der Linie kann man im Grunde alles ausdrücken. Sie ist ein facettenreiches Feld, in dem sich jeder bewegen kann: Die Linie als Symbol für Leben, Erinnerung, Vergangenheit, das Jetzt, Zukunft, Zeit, Perspektiven, als Symbol für das menschliche Dasein generell.

Lisa Bäcks verbindende und integrative Linie, die nicht nur die sechs Bilder zusammenhält, sondern auch gedanklich von der Vergangenheit in die Zukunft führt, könnte eine berühmte Formel vorangestellt werden: Alles fließt! Ein Ausspruch, der auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeht und für den Fluss der Zeit und den Lauf der Dinge steht. Und das scheint mir für diese Arbeit der Künstlerin auch programmatisch zu sein. Panta rhei (wie es im Griechischen heißt) Alles fließt! Auf verschiedenen Ebenen durchdringt dieser Ausspruch unaufhaltsam alles und stellt seit jeher eine der wichtigen Grundfragen nach dem Sein, Werden und Vergehen des einzelnen Menschen und des übergeordneten Ganzen.

Lisa Bäck hat mit ihrer besonderen Arbeitsweise, der über viele Jahre hinweg entwickelten Technik der „velvet paintings“, in der österreichischen Kunst ein Alleinstellungsmerkmal inne. Über das Formale hinaus fordert sie alle Kunstinteressierten zudem auf, sich über die Inhalte der Arbeiten in aktuelle Debatten einzumischen, somit auch Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu Handeln und kritisch nachzudenken über Politik und Gesellschaft, über Geschichtsbewusstsein und Zukunft, über Heimat, Fremdsein und Identität.

Mag. Hartwig Knack

Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler

Jahr:

2019

Material:

Ätzung und Malerei/Seidensamt

Größe:

200cmx900cm

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Velvet paintings – Mag. Hartwig Knack, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler

Seit etwa 30 Jahren arbeitet Lisa Bäck mit einem besonderen Material: Seidensamt! Ein schimmernder Stoff, ein besonderes Gewebe, das in Bewegung zwischen Glanz und Mattheit wechselt und zu fantastischen changierenden Farbeffekten führt.

Der künstlerisch-handwerkliche Prozess: Mit eingeübten sicheren Hand- und Armbewegungen trägt die Künstlerin in ihrem sechsteiligen Bilderzyklus „follow the line“ in einer durchgehenden Linienform ein dickflüssiges Ätzmittel auf den gespannten Seidensamt und löst so an diesen Stellen den geknüpften Flor. Was im ersten Augenblick vielleicht recht simpel anmuten mag ist jedoch das Ergebnis jahrelangen Experimentierens, denn die dünne gestische Liniensetzung mittels Ätzlösung lässt keine Fehler zu. Die von Lisa Bäck verwendeten speziellen Seidenfarben basieren auf Säurefarbstoffen und zeichnen sich in ihrer Leuchtkraft durch eine große Intensität aus. Der gezielte malerische Auftrag der nicht einfach zu handhabenden sehr wässrigen Farben erfordert viel Erfahrung. Auch in diesem Bereich hat die Künstlerin zahlreiche technische Zugänge ausprobiert, ehe sie zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gelangen konnte. Die Farbpigmente dringen in die Fasern ein und nehmen erst dann ihren vollen Glanz auf der Seide an, nachdem sie von der Künstlerin in einem eigens gebauten Ofen über mehrere Stunden mittels Wasserdampf fixiert wurden.

Obgleich Lisa Bäcks sechsteiliger Arbeit ein konkretes Thema zugrunde liegt, zeichnet sie sich aufgrund ihrer ungegenständlichen Anmutung durch eine große inhaltliche Unvoreingenommenheit aus. Im Gespräch erwähnt die Künstlerin die Anfänge eines vereinten Europas, als in den 1950er Jahren sechs Staaten – Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Italien – die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten um durch gezielte wirtschaftliche Zusammenarbeit Wohlstand und Frieden in Europa zu sichern. Die sechs Bilder und die sie durchlaufende Linie stehen für diese Gründerstaaten der Europäischen Union, für Verknüpfung und Zusammenstehen, für Offenheit, Einheit und eine richtungsweisende gemeinsame Entwicklung.

Über diese definierte Deutung hinaus lassen sich den Bildern jedoch weitere Facetten entlocken. Lisa Bäck ist ein kommunikativer Mensch, eine Künstlerin, die für ein differenziertes Hinschauen auf Sachverhalte plädiert und Fragestellungen stets aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet um sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Das Material Seidensamt scheint im übertragenen Sinn prädestiniert zu sein für das Erfassen unterschiedlicher Perspektiven. Wir Betrachterinnen und Betrachter der Werke sollen dem Wunsch der Künstlerin entsprechend visuell nicht nur die Ansicht von vorne einnehmen. Im Gegenteil: Wir werden geradezu angehalten unseren Standpunkt vor den Bildern immer wieder zu ändern. Während des aktiven Vorbeigehens etwa wechselt wie in einem Fluss die Farbigkeit. Auch das Motiv der Linie ändert sich leicht, sobald die Arbeiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Hier geht es der Künstlerin nicht nur um die Analyse des Sehens und Erkennens, sondern auch um die Bewegung vor dem Objekt. „follow the line“ hat einen partizipatorischen Charakter. Wir alle sind kein bloßes Gegenüber des Kunstwerks, wir sind Bestandteil desselben. Nicht nur die Simulation von Bewegung im Bild fasziniert, auch die physisch-örtliche Veränderung als integraler ästhetischer Bestandteil des Bilderzyklus ist essenziell für die Gesamtaussage und Wirkung.

Die Farbregie im sechsteiligen Werk ist wohl durchdacht. Die Farbe des punktuellen energiegeladenen Zentrums oder auch der schlingenförmigen Linie bildet die Hauptfarbe im jeweils nächsten Bild. Mal scheint die Linie auf der Fläche aufzuliegen, mal leuchtet sie aus dem Dunkel des Hintergrunds hervor. Mal zieht uns das „Auge des Sturms“ in die Tiefe der Unendlichkeit, mal erscheint es als transparentes Oval an der Oberfläche. So erzielt die Künstlerin ein davor und dahinter, ein Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefenräumlichkeit.

Wenn die Künstlerin in einem Statement zu ihrer Arbeit schreibt: „Linie – als Symbol für Dynamik und Offenheit, richtungsweisend, vorwärtsdrängend, entwickelnd, ein Flussbett schaffend …“, dann verweist sie auf die Linie als Grundlage jedes menschlichen Gestaltens. Sie ist das, was Leben ausmacht, als Lebenszeichen, als Metapher und Spiegel von Schnelligkeit aber auch von Ruhe und Rationalität. Ganz frühe künstlerische Äußerungen des Menschen sind schon linear ausgeführt: Wir müssen nur an die Felszeichnungen der Urmenschen aus prähistorischer Zeit denken. Jeder von uns hat als Kind in Strichzeichnungen seine ersten Erlebnisse auf Papier gekritzelt. Mit der Linie kann man im Grunde alles ausdrücken. Sie ist ein facettenreiches Feld, in dem sich jeder bewegen kann: Die Linie als Symbol für Leben, Erinnerung, Vergangenheit, das Jetzt, Zukunft, Zeit, Perspektiven, als Symbol für das menschliche Dasein generell.

Lisa Bäcks verbindende und integrative Linie, die nicht nur die sechs Bilder zusammenhält, sondern auch gedanklich von der Vergangenheit in die Zukunft führt, könnte eine berühmte Formel vorangestellt werden: Alles fließt! Ein Ausspruch, der auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeht und für den Fluss der Zeit und den Lauf der Dinge steht. Und das scheint mir für diese Arbeit der Künstlerin auch programmatisch zu sein. Panta rhei (wie es im Griechischen heißt) Alles fließt! Auf verschiedenen Ebenen durchdringt dieser Ausspruch unaufhaltsam alles und stellt seit jeher eine der wichtigen Grundfragen nach dem Sein, Werden und Vergehen des einzelnen Menschen und des übergeordneten Ganzen.

Lisa Bäck hat mit ihrer besonderen Arbeitsweise, der über viele Jahre hinweg entwickelten Technik der „velvet paintings“, in der österreichischen Kunst ein Alleinstellungsmerkmal inne. Über das Formale hinaus fordert sie alle Kunstinteressierten zudem auf, sich über die Inhalte der Arbeiten in aktuelle Debatten einzumischen, somit auch Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu Handeln und kritisch nachzudenken über Politik und Gesellschaft, über Geschichtsbewusstsein und Zukunft, über Heimat, Fremdsein und Identität.

Mag. Hartwig Knack

Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler

Jahr:

2019

Material:

Ätzung und Malerei/Seidensamt

Größe:

200cm x 900cm